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Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

Sie haben gerade die erste Ausgabe der Edition vor Augen, die Nummer eins unseres neuen Formats für Gedanken und Impulse zu aktuellen Themen, für faktenfundierte Erkenntnis und erfahrungs­basierte Expertise. Als Projektträger sind wir Anwalt des Fortschritts zum Wohle der Gesellschaft. Wenn die Edition gelesen, geteilt und weitergedacht wird sowie den Austausch im Sinne des Diskurses anregt, freuen wir uns. Denn genau so entsteht Fortschritt.

Thema unserer ersten Ausgabe ist Demokratiebildung. Nicht von ungefähr. Denn Fortschritt lebt von Meinungsvielfalt und wissen­schaftlicher Offenheit in einem demokratisch verfassten Rechts­staat. Demokratie ist der Boden, auf dem sich die Ge­meinschaft der Menschen in einer Gesellschaft in Freiheit positiv entwickeln kann.

Demokratie ist aber kein Selbstläufer. Sie muss gelernt, geübt und aktiv gestaltet werden. Sie ist eine kontinuierliche Bildungsaufgabe unter Rahmenbedingungen, die sich schnell wandeln. Künstliche Intelligenz und soziale Plattformen verändern die Meinungsbildung und den öffentlichen Diskurs gravierend. Sie bieten neue Chancen der Information und des Austauschs, sind aber auch Treiber für Des­information und Polarisierung.

Wie kann Demokratiebildung auf diese Veränderungen reagieren? Wie kann sie unter neuen Bedingungen gelingen und damit das Fundament für eine freie und prosperierende Gesellschaft stärken? Darum geht es in dieser Ausgabe.

Wir wünschen Ihnen eine inspirierende Lektüre.



Klaus Uckel

Vorsitzender der Geschäftsleitung

Inhalte



DIGITALISIERUNG & GESELLSCHAFT

Künstliche Intelligenz gestalten und Demokratie stärken

von Dr. Cedric Janowicz

Künstliche Intelligenz und soziale Medien prägen die poli­tische Meinungs­bildung junger Menschen. Wie durch technologische Funktions­logiken Demokratien ver­ändert und ge­schwächt werden und wie Gestaltung dem ent­gegen­wirken kann, erläutert Dr. Cedric Janowicz.



DEMOKRATIEBILDUNG JUNGER MENSCHEN

Mündig wird, wer mitgestalten darf

ein Interview mit Dr. Désirée Kleiner-Liebau

Demokratie wird dort gelernt, wo Menschen einander begegnen, weiß Désirée Kleiner-Liebau. Schulische und außer­schulische Lernorte schaffen Räume für demo­kratisches Handeln. Doch welche Maßnahmen haben sich in der Vergangenheit als wirksam erwiesen und wie kann Demokratiebildung auch in Zukunft gelingen?



Welche Auswirkungen haben die Nutzung und breite Imple­men­tierung von KI-Technologien auf demokratische Zusammen­hänge? Die zentrale These dieses Essays ist: KI-Technologien müssen bewusst gestaltet werden. Denn andernfalls besitzen sie die Kraft, eine demokratie­erodierende Wirkung zu entfalten. Nicht zuletzt deshalb, weil algorithmus­gesteuerte Plattformen großen Einfluss auf die Medien­nutzung und die politische Meinungsbildung junger Menschen haben.



Nicht wenige Stimmen aus Wissenschaft und öffentlicher Debatte diagnostizieren der Demokratie eine ihrer tiefsten Krisen seit dem Zweiten Weltkrieg. Das renommierte V-Dem-Institut in Göteborg misst anhand hunderter Parameter das Ausmaß freiheitlich-demokratischer Werte weltweit und diagnostiziert einen deutlichen Rückgang, sogar eine regelrechte Welle der Autokratisierung. Der Historiker Till van Rahden spricht von der Demokratie als „gefährdeter Lebensform“> 1, andere von einer „großen Regression“˃ 2. Noch Ende der 1990er Jahre schien der weltweite Siegeszug der liberalen Demo­kratie ausgemacht; heute verfestigen sich stattdessen vielerorts illiberale Demokratien, in denen Gewaltenteilung und freie Medien systematisch zurückgedrängt werden.

Als Erklärung wird häufig auf eine gesellschaftliche Polykrise verwiesen: Demokratien gelingt es zunehmend schlechter, Wohlstand zu sichern und gerecht zu verteilen; mit dem brüchig werdenden Fortschrittsnarrativ schwindet zugleich der Glaube an eine bessere Zukunft – eine zentrale Triebfeder, sich in demokratische Gestaltungsprozesse einzubringen. Gleichzeitig scheint die Ambiguitätstoleranz, also die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit und widersprüchliche Informationen auszuhalten, zu erodieren. Die Folge ist ein Debattenklima entlang klarer Freund-Feind-Schemata sowie wachsendes Misstrauen gegenüber Wissenschaft, Medien und Politik – der Soziologe Aladin El-Mafaalani spricht von „Misstrauensgemeinschaften“> 3.



Demokratien gelingt es zunehmend schlechter, Wohlstand zu sichern und gerecht zu verteilen; mit dem brüchig werdenden Fortschritts­narrativ schwindet zugleich der Glaube an eine bessere Zukunft.



Als Konsequenz gewinnen die extremen Ränder des politischen Spektrums für immer mehr Bürgerinnen und Bürger an Attraktivität, in Teilen Europas sind insbesondere extrem rechte oder gar faschis­toide Positionen nicht länger geächtet oder auf den Rand des Spektrums begrenzt. Vielmehr reichen diese mittlerweile weit in die Mittelschichten hinein – wie erst jüngst wieder die sogenannte Leipziger Autoritarismus-Studie> 4 gezeigt hat: Auch dort werden autoritäre Dynamiken und rechtsextreme Einstellungen mehr und mehr normalisiert. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund solcher Ent­wick­lungen argumentieren die Soziologin Carolin Amlinger und der So­ziologe Oliver Nachtwey in ihrem neuen Buch, dass heutige Auto­kratinnen und Autokraten die politische Macht nicht mit gewalt­tätigen Coups an sich reißen, sondern oftmals demokratisch gewählt werden. Daher sprechen sie auch vom „demokratischen Faschis­mus“> 5, der in der Demokratie verankert ist und sich als ihr Erneuerer versteht. Er steht damit im Gegensatz zum historischen Faschismus, der die Demokratie bekämpfte.



KI-Technologien, algorithmus­gesteuerte Plattformen und die Mediennutzung junger Menschen

Parallel zu diesem politischen Zyklus geraten Demokratien durch aktuelle technologische Entwicklungen zusätzlich unter Druck. KI-Technologien sind dabei nicht per se eine demokratiefeindliche Kraft – entscheidend sind Nutzungskontexte und die Interessen der dahin­ter­stehenden Akteurinnen und Akteure. Allerdings prägen neoreak­tionäre Weltanschauungen einflussreicher Tech-Akteure die Gestaltung vieler dieser Systeme. Nach Rainer Mühlhoff bewirkt die von ihnen eingeforderte aggressive Innovationskultur „mehr als nur den Abbau von politischen und moralischen Beschränkungen – sie bewirkt eine massive Macht­verschiebung weg von demokratischen Institutionen hin zu privat­wirtschaftlichen Akteuren“> 6. Auch Denkfiguren wie der digitale Solutionismus – die Vorstellung, kom­plexe gesellschaftliche Probleme ließen sich vorrangig tech­nologisch lösen – prägen das Selbstverständnis vieler einflussreicher Tech-Akteure> 7 und wirken sich auf Gestaltung jener Plattformen aus, die insbesondere junge Menschen tagtäglich nutzen.

Zwischen dem zwölften und sechzehnten Lebensjahr entwickeln sich jene kognitiven Fähigkeiten, die es erlauben, sich mit politischen Sachverhalten auseinanderzusetzen und eigene Positionen zu entwickeln – und genau in dieser Lebensphase finden politische Bildung und Informationsbeschaffung für viele Jugendliche zu­nehmend in sozialen Medien statt> 8. Anders als klassische Nach­richten­medien vermitteln Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube politische Inhalte häufig vermischt mit Unterhaltung über Influencerinnen und Influencer, Kurzvideoformate und persona­lisierte Feeds> 9. Der Prozess der Meinungsbildung ist dabei von der Herausbildung dauerhafter Einstellungen und Werte zu unter­scheiden.> 10 Für die demokratische Sozialisation und Bildung Jugend­licher sind jedoch beide Dimensionen relevant, da sich durch wieder­holte Meinungsäußerungen in algorithmisch kuratierten Um­ge­bungen langfristig auch stabilere politische Einstellungen ent­wickeln können.



Sachlicher Dissens wird in der Kommunikations­logik dieser Medien systematisch geschwächt, während affektive Reaktionen durch technische Mechanismen wie Liken oder Sharen gezielt verstärkt werden.



Entscheidend ist dabei die Funktionslogik der zugrundeliegenden Algorithmen: Sie sind nicht auf Ausgewogenheit oder demokratische Deliberation hin optimiert, sondern auf Aufmerksamkeit und Verweil­dauer. Empfehlungs­systeme stufen Inhalte dann als erfolgreich ein, wenn sie besonders viel Interaktion erzeugen. Laut der Bundes­zentrale für politische Bildung sind das eher emotionali­sierende und zugespitzte als nüchterne, ausgewogene Beiträge.> 11 Die affektive Intensität dieser Plattformen ist ungleich höher als die klassischer Massenmedien früherer Zeiten: Sachlicher Dissens wird in der Kom­munikationslogik dieser Medien systematisch geschwächt, während affektive Reaktionen durch technische Mechanismen wie Liken oder Sharen gezielt verstärkt werden. Die Funktionslogik lässt sich zu­sammen­fassen als „Empfindung dominiert gegenüber dem Argu­ment“> 12.

Hinzu kommt, dass insbesondere die extremen politischen Ränder auf diesen Plattformen vor allem gesellschaftliche Gefühle des Unbehagens, wie Enttäuschung, Einsamkeit, Misstrauen und Angst, verstärkend bewirtschaften. Für Jugendliche, die einen erheblichen Teil ihrer politischen Informationen über solche Feeds beziehen, bedeutet dies nicht nur ein grundlegend anderes Verhältnis zu politischer Information als für frühere Generationen – es birgt auch ein erhebliches Risiko der politischen Radikalisierung. Denn poli­tische Identitäten entstehen in dieser Funktionslogik nicht selten durch das Konstruieren von gemeinsamen Gegnern und Feinden. Mit zunehmender Dominanz der Gruppenidentität wächst die Neigung zur Stereotypisierung von Fremdgruppen, die von Abwertungen und Beschimpfungen begleitet sein kann.> 13



Denn politische Identitäten entstehen in dieser Funktionslogik nicht selten durch das Konstruieren von gemeinsamen Gegnern und Feinden.



Aktuelle Studien zeigen, dass diese Dynamik von Akteurinnen und Akteuren am extremen politischen Rand gezielt genutzt wird: Rechts­extreme Gruppierungen nutzen TikTok niedrigschwellig, um den ersten Kontakt aufzunehmen. Anschließend leiten sie die jungen Nutzerinnen und Nutzer in geschlossenere Räume wie Discord oder Telegram weiter, wo sich extremistische Einstellungen der Öffent­lichkeit entzogen weiter verfestigen können.> 14

Zugleich zeigt die Forschung, dass die vielzitierte These der „Filter­blase“ empirisch keineswegs eindeutig belegt ist; ideologische Vorprägungen scheinen für die Ausbildung extremer Einstellungen mindestens ebenso bedeutsam zu sein wie algorithmische Ver­stärkungs­effekte.> 15 Für die demokratische Einhegung dieser Platt­formen ist dieser Befund in zweifacher Hinsicht relevant: Zum einen droht die algorithmische Bevorzugung extremistischer Inhalte ohne­hin vorhandene gesellschaftliche Polarisierungstendenzen zu ver­stärken. Zum anderen erscheint es wichtig, monokausale Er­klä­rungen zu vermeiden und Mediennutzung, familiäre und schulische Sozialisation sowie gesellschaftliche Rahmen­bedingungen ge­mein­sam in den Blick zu nehmen und Demokratiebildung neu zu denken.

Viele Jugendliche sind sich der Risiken digitaler Informationsräume durchaus bewusst und nutzen soziale Medien auch zur politischen Selbstermächtigung und Partizipation jenseits etablierter Kanäle. Die demokratische Herausforderung besteht somit weniger darin, junge Menschen von sozialen Medien fernzuhalten, als vielmehr darin, die zugrundeliegenden Plattform­architekturen selbst zum Gegenstand demokratischer Gestaltung zu machen.



Die demokratische Herausforderung besteht somit weniger darin, junge Menschen von sozialen Medien fernzuhalten, als vielmehr darin, die zugrundeliegenden Plattform­architekturen selbst zum Gegenstand demokratischer Gestaltung zu machen.



Auf dem Weg zu einer hybriden Intelligenz: KI gestalten und demo­kratische Selbstbestimmung stärken

Mit den skizzierten Risiken für die demokratische Meinungsbildung junger Menschen stellt sich die Frage, wie Gesellschaften sicher­stellen können, dass KI-gestützte Plattformen mehr Nutzen als Schaden anrichten. Eine naheliegende Antwort kann Gestaltung heißen – nicht um Chancen der neuen Tech­nologien einzuschränken, sondern um ihren verantwortungsvollen Einsatz zu ermöglichen, indem gesellschaftlich ausgehandelte Leitplanken gesetzt werden. Diese Aufgabe darf, insbesondere mit Blick auf die wirtschaftlichen Eigeninteressen der Plattform­betreiber, nicht privat­wirt­schaft­lichen Unternehmen allein überlassen werden.



Eine naheliegende Antwort kann Gestaltung heißen – nicht um Chancen der neuen Technologien einzuschränken, sondern um ihren verantwortungs­vollen Einsatz zu ermöglichen, indem gesellschaftlich ausgehandelte Leit­planken gesetzt werden.



Auf europäischer Ebene formulieren sowohl der AI Act als auch der Digital Services Act bereits Anforderungen an algorithmische Trans­parenz und an den Schutz Minderjähriger vor manipulativen Plattform­designs. Offen ist, ob die Durchsetzungskraft der EU aus­reicht, um das Verhalten global agierender Plattformbetreiber tatsächlich zu verändern – insbesondere hinsichtlich ihrer Ver­pflichtung veröffent­lichte Inhalte auf ihre demokratieschädliche Wirkung hin zu über­prüfen und gegebenenfalls auch zu entfernen. Dazu zählen unter an­de­rem Fakenews, Hatespeech, gezielte Desinformation und gruppen­bezogene Menschen­feindlichkeit.

Ergänzend dazu braucht es in jedem Fall eine gezielte Stärkung der Medienkompetenz junger Menschen, die sie befähigt, algorithmische Funktionslogiken zu durchschauen und politische Informations­räume kritisch einzuordnen – eine Aufgabe, die Schulen, Familien und außerschulische Bildungsangebote gemeinsam leisten müssen. Eine so verstandene Demokratiebildung sollte auch stärker mit Ergeb­nissen der Extremismusforschung verknüpft werden. Auf Grund­lage ihrer Ergebnisse hat die Extremismusforschung nachhaltige Maßnahmen und Konzepte für die Bildungs- und Präventionsarbeit entwickelt.

In der EU diskutiert werden zudem Ansätze, die bereits auf der Ebene der Technikgestaltung selbst ansetzen, etwa ein quasi-hippo­kratischer Eid für KI-Ingenieurinnen und -Ingenieure, der die Verein­barkeit von Systementwicklung mit demokratischen und sozialen Zielen verbindlich machen soll. Hier könnte die Politik über eine Förderung interdisziplinärer KI-Sicherheitsforschung gezielt Anreize setzen, die dabei helfen, menschenzentrierte und mit demo­kra­tischen Grundwerten kompatible KI-Technologien zu entwickeln.



Bundesregierung nimmt sich der Gestaltungsaufgabe an

Technologien sind keine Naturgewalten, sondern Gestaltungs­aufgaben. Die Bundesregierung hat erkannt, dass es geistes- und sozialwissenschaftliche Expertise bei der Gestaltung von KI-Tech­nologien braucht: In der aktuellen Hightech Agenda Deutschland (HTAD) kommt diesen Disziplinen daher konsequenterweise eine Schlüsselrolle bei der verantwortungsvollen und menschen­zen­trierten Gestaltung des gesellschaftlichen Umgangs mit neuen Technologien zu. Das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung!



Die Maschine arbeitet zu – als Werkzeug für den Menschen. Der Mensch ordnet ein, übernimmt Verantwortung und gestaltet die demokratische Einhegung dieser Technologie.



Eine solche Gestaltung gelingt besonders gut in Demokratien, denn sie braucht eine aufgeklärte Öffentlichkeit und unabhängige Infor­mationen. Erst die gemeinsame Reflexion über den gesell­schaft­lichen Umgang mit KI-Technologien und den damit verbundenen Plattformen sozialer Medien ermöglicht Formen „hybrider Intel­li­genz“: Die Maschine arbeitet zu – als Werkzeug für den Menschen. Der Mensch ordnet ein, übernimmt Verantwortung und gestaltet die de­mo­kra­tische Ein­hegung dieser Technologie. Eine so gestaltete Tech­nologie ist eine der Gesellschaft dienende Technologie.



Dr. Cedric Janowicz

Abteilungsleiter Gesellschaften der Zukunft

DLR Projektträger







Im Interview berichtet Désirée Kleiner-Liebau, wie Demokratiebildung die Mündigkeit von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen stärkt, warum und welche analogen Räume dafür zentrale Lernorte sind und was aus ihrer Sicht ein gutes Angebot ausmacht.



Frau Kleiner-Liebau, Cedric Janowicz hat in seinem Beitrag be­schrieben, dass viele Jugendliche und junge Erwachsene poli­tische Informationen heute vor allem über TikTok und andere soziale Netzwerke beziehen. Dort mangelt es häufig an jour­nalis­tischen Standards, Faktenchecks und einer Einordnung. Welche Rolle spielt Demokratiebildung angesichts dieser Entwicklung und wo findet sie eigentlich statt?

Kleiner-Liebau: Soziale Netzwerke haben zwar Einfluss auf die poli­tische Haltung vieler junger Menschen. Demokratische Kom­petenzen werden jedoch immer noch vor allem in analogen Räumen erworben und eingeübt.

Demokratiebildung beginnt in Deutschland im formalen Bildungs­system schon in der frühkindlichen Bildung. In Kinder­tagesstätten lernen Kinder im besten Fall erste Formen von Beteiligung und Mit­bestimmung kennen und üben den respektvollen Umgang miteinander.

In der allgemeinbildenden Schule ist Demokratiebildung in drei Säulen verankert: als Unterrichtsgegenstand, insbesondere in den Fächern Politik und Geschichte, als fächerübergreifendes Bildungs­ziel und zunehmend im Rahmen einer demokratischen Schulent­wicklung. Für den Aufbau einer demokratischen Schulkultur braucht es zum einen Möglichkeiten der echten Mitgestaltung für Schü­lerinnen und Schüler und zum anderen die Zusammenarbeit mit Eltern und außerschulischen Partnern.



Und was sind außerschulische Lernorte?

Kleiner-Liebau: Die Forschung zur politischen Sozialisation zeigt auf, wie zentral der Lernort Familie für die Vermittlung demokratischer Werte und die Herausbildung politischer Haltungen ist.

Neben der Schule, die alle Menschen in ihrer Bildungsbiografie er­reicht, leisten außerschulische Akteure wie Jugendverbände, Sport­vereine und Einrichtungen der kulturellen und historischen Bildung, wie etwa Gedenkstätten, wichtige Beiträge.

Entsprechend vielfältig sind die direkt und indirekt involvierten Ak­teure, deren Kernzielgruppen Kinder, Jugendliche und junge Erwach­sene sind. Von Bibliotheken über Stiftungen bis hin zu Kommunen übernehmen sie unterschiedliche Aufgaben, häufig in Kooperation miteinander. Vernetzung und Austausch sind für das gelungene Demo­kratielernen entscheidend. Wir im DLR Projektträger bringen in unseren unterschiedlichen Aktivitäten solche Akteure miteinander in den Austausch und ermöglichen den Transfer von Good Practice untereinander – aber auch von Forschungsergebnissen in die Praxis.



Vernetzung und Austausch sind für das gelungene Demokratielernen entscheidend.



Schulisches und außerschulisches sowie formales, non-formales und informelles Demokratielernen – lässt sich das überhaupt klar voneinander abgrenzen?

Kleiner-Liebau: Nein, weil Kinder und Jugendliche sich ständig und mehrmals am Tag zwischen den verschiedenen Lernorten und Le­bens­welten hin und her bewegen. Daher sollten wir beim Erwerb grund­legender Kompetenzen für das demokratische Zusammenleben den gesamten Sozialraum betrachten.

Idealerweise verstehen sich formale Bildungsinstitutionen wie Kita und Schule bereits als wichtige Orte und Partner in ihrem direkten räumlichen Umfeld. Die schrittweise Einführung des Ganztags­betriebs beispielsweise kann an vielen Stellen nur in einer engen Kooperation aller Akteure vor Ort in den Kommunen geleistet werden. Außerschulische Träger und Partner nutzen für ihre Angebote neben eigenen Räumen auch die Räume der Schule. Damit hat gerade der Ganztag mit seinen vielfältigen Verschränkungen und Anknüpfungs­möglichkeiten großes Potenzial für Demokratiebildung. In dieser Gesamtschau vermischt sich täglich formales, non-formales und informelles Demokratielernen.



Die berufliche Bildung bietet ein bislang noch wenig erschlossenes Potenzial für die Stärkung demokratischer Handlungskompetenz – sowohl in Deutschland als auch auf europäischer Ebene.



Dies betrifft die allgemeinbildenden Schulen. Aber wir wissen, dass ab der Sekundarstufe II die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler in Deutschland, das heißt ungefähr zwei Drittel, an beruflichen Schulen und in betrieblichen Ausbildungen eingebunden ist. Welche Rolle spielt die Demokratiebildung in der beruflichen Bildung?

Kleiner-Liebau: Die berufliche Bildung bietet ein bislang noch wenig erschlossenes Potenzial für die Stärkung demokratischer Handlungs­kompetenz – sowohl in Deutschland als auch auf europäischer Ebene. Millionen junger Menschen durchlaufen eine Ausbildung und erleben Betriebe und Berufsschulen als zentrale Lern- und Erfahrungsorte gesellschaftlicher Teilhabe. Gerade darin liegt ein besonderer Ansatz­punkt für die Demokratiebildung: Mitbestimmung, der konstruktive Umgang mit unterschiedlichen Interessen, Vielfalt und die Über­nahme von Verantwortung können hier nicht nur vermittelt, sondern im beruflichen Alltag konkret erfahren und eingeübt werden. Aktuelle europäische Initiativen wie das Europäische Schutzschild für Demokratie unterstreichen die wachsende Bedeutung demo­kratischer Resilienz. Sie eröffnen zugleich die Chance, die besonderen Bedingungen und Potenziale der beruflichen Bildung und des dualen Lernens künftig stärker in die europäische Demokratiepolitik einzubeziehen.

Wir entwickeln gerade gemeinsam mit Partnern aus elf europäischen Ländern einen Forschungsantrag, der genau diese Frage für Europa systematisch untersucht – von Norwegen bis Kroatien, von der Indus­trie bis zur Pflege. Damit greifen wir eine Fragestellung auf, die nicht nur in Deutschland, sondern auch auf europäischer Ebene zu­neh­mend an Bedeutung gewinnt.

Demokratiebildung in Europa – wo steht sie?

Die Europäische Union misst der Stärkung demokratischer Resilienz und gesellschaftlicher Teilhabe eine zunehmend zentrale Bedeutung bei.

Der Begriff „Demokratiebildung“ wird je Kontext unterschiedlich verwendet. Was versteht man darunter?

Kleiner-Liebau: Tatsächlich existieren mehrere Begriffe neben­ei­nander: politische Bildung, Demokratiebildung, Demokratie­päda­gogik, Demokratieerziehung und allgemeine Demokratieförderung. Eine allgemein gültige wissenschaftliche oder bildungspolitische Abgrenzung der Begriffe gibt es bisher nicht.

Der Begriff „Demokratiebildung“ kam erst in den 2010er-Jahren auf und ist damit vergleichsweise neu. Im Fokus steht die subjekt­orien­tierte Förderung politischer Mündigkeit, also das Individuum, im Gegensatz zur auf der systemischen Perspektive basierenden „Demo­kratieförderung“. Während die Demokratieförderung die System­sta­bilität und Prävention direkt zum Ziel hat, zielt die Demokratie­bildung darauf ab, die Mündigkeit der Bürgerinnen und Bürger zu stärken. Eine demokratisch handlungsfähige Bürgerschaft stärkt wiederum langfristig die Demokratie. In der politischen Bildung hat sich daher die Formel etabliert: Lernen über, durch und für Demo­kratie.

Demokratie wird dabei nicht nur als Staats- und Regierungsform ver­standen, sondern auch als Lebens- und Gesellschaftsform. Das heißt: Menschen haben eine demokratische Haltung, übernehmen Verant­wortung und handeln demokratisch.



Während die Demokratieförderung die System­stabilität und Präv­ention direkt zum Ziel hat, zielt die Demokratiebildung darauf ab, die Mündigkeit der Bürgerinnen und Bürger zu stärken.



Wenn die Begriffe nicht eindeutig voneinander abgegrenzt sind, wie entscheiden Sie, welche Projekte der Demokratiebildung zuzuordnen sind? Welche Konsequenzen oder Chancen hat die begriffliche Offenheit für Förderprogramme?

Kleiner-Liebau: Unabhängig davon, welche Begriffe in konkreten Kontexten verwendet werden, herrscht in Forschung und Praxis große Einigkeit darüber, welche konkreten Fähigkeiten und Kompetenzen grundlegend sind, damit Menschen am gesellschaftlichen und poli­tischen Leben teilhaben können und das Zusammenleben in demo­kratischen Gesellschaften gelingen kann. Viele der Programme und Maßnahmen, die wir im DLR Projektträger begleiten, zahlen auf die Förderung dieser Kompetenzen ein, auch wenn sie nicht immer direkt unter dem Stichwort „Demokratiebildung“ verhandelt werden, son­dern vorrangig anderen Bereichen wie der digitalen Bildung, der Me­dien­bildung, der kulturellen Bildung oder der Bildung für nachhaltige Entwicklung zugeordnet sind. Diese Schnittmengen und An­knüpfungs­punkte müssen wir in unserer Arbeit immer mitdenken. Dazu sind wir über Abteilungen und Bereiche hinweg im DLR Projektträger vernetzt.



Demokratie lebt von der Mündigkeit ihrer Bürgerinnen und Bürger. Sie funktioniert nur, wenn Menschen Informationen kritisch bewerten, unterschiedliche Perspektiven nachvollziehen und bereit sind, gesell­schaft­liche Verantwortung zu übernehmen.



Welche Fähigkeiten und Kompetenzen sind konkret gemeint?

Kleiner-Liebau: Demokratie lebt von der Mündigkeit ihrer Bür­ge­rinnen und Bürger. Sie funktioniert nur, wenn Menschen Infor­ma­tionen kritisch bewerten, unterschiedliche Perspektiven nachvoll­ziehen und bereit sind, gesellschaftliche Verantwortung zu über­nehmen. Gerade unter den Bedingungen von Desinformation, gesell­schaftlicher Polarisierung und algorithmisch gesteuertem Infor­mations­fluss braucht es Bildungsangebote, die das fördern. In den Worten der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung: Demokratie „muss gewollt, gelernt und geübt werden“.> 1

Demokratiebildung vermittelt ganz unterschiedliche Fähigkeiten und Kompetenzen, die Menschen zu demokratischer Teilhabe befähigen und demokratische Wertehaltungen stärken. Menschen müssen in die Lage versetzt werden, mit den aktuellen gesellschaftlichen He­raus­forderungen umzugehen, denen sie in Demokratien weltweit gegenüberstehen. Dafür sind sowohl methodische als auch soziale und personale Kompetenzen notwendig.

Zu den methodischen Kompetenzen gehören kritische Analyse und Urteilsfähigkeit sowie Informations- und Medienkompetenz. Sie ermöglichen es, Informationen kritisch zu prüfen, Quellen ein­zuord­nen und beispielsweise Desinformation zu erkennen.

Eine große Rolle spielt auch Kommunikationsfähigkeit: Menschen müssen zuhören, argumentieren sowie Kritik konstruktiv äußern und aufnehmen können.

Hinzu kommen soziale und personale Kompetenzen wie Perspektiv­wechsel und Empathie, Konfliktfähigkeit und Kooperations­bereit­schaft, aber auch Selbstreflexion und ethische Urteilsbildung. Menschen müssen lernen, Perspektiven des Gegenübers einzu­neh­men, um auch dagegen argumentieren zu können. Schließlich fördert Demokratiebildung auch die Motivation und die Fähigkeit, sich in demokratische Gestaltungsprozesse einzubringen.



Was macht aus Ihrer Sicht ein gutes Format für Demokratiebildung aus?

Kleiner-Liebau: Aus meiner Sicht ist ein entscheidender Punkt, dass Formate nicht nur von Erwachsenen für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene ausgedacht werden. Die junge Zielgruppe sollte Inhalte und Formate entsprechend ihrer eigenen Ideen und Bedarfe mitgestalten. Das setzt allerdings voraus, dass Angebote stark prozess- und weniger ergebnisorientiert sind. Demokratische Hand­lungs­fähigkeit entsteht nicht allein durch Wissensvermittlung – sie entsteht durch die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und Verantwortungsübernahme.



Die junge Zielgruppe sollte Inhalte und Formate entsprechend ihrer eigenen Ideen und Bedarfe mitgestalten.



Können Sie konkrete Beispiele für gelungene Angebote im schulischen und außerschulischen Kontext nennen?

Kleiner-Liebau: Wir dürfen seit vielen Jahren im Auftrag des Bundes­ministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) den Wettbewerb „Demokratisch Handeln“> 2 begleiten. Jedes Jahr werden hier Gewinnerprojekte ausgezeichnet, die alle Beispiele für gelungene Projekte sind. Sie sind vielfältig und in den Inhalten sehr unterschiedlich, weil sie von den Kindern und Jugend­lichen selbst gestaltet werden. Die Projekte sind gemeinsame Ak­tio­nen, Ausstellungen, Filme, journalistische Beiträge, Podcasts, Zei­tungen, Social-Media-Projekte, Kunstwerke, Kinder- und Jugend­parlamente, Facharbeiten, literarische und musikalische Projekte, Theaterstücke, Spieleentwicklung und vieles mehr. Der Wettbewerb bietet außerdem die Möglichkeit, sich nach einer eigenen Teilnahme als Juniorbotschafterin oder Juniorbotschafter, die sogenannten „YouBos“, weiter zu engagieren und damit früh gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.



Demokratiebildung ist keine kurz­fristige oder zeitlich begrenzte Reaktion auf Krisen, sondern eine langfristige Daueraufgabe, die weiter­entwickelt und gestärkt werden muss.



Wenn Sie zum Schluss einen Wunsch für die Demokratiebildung frei hätten, welcher wäre das?

Kleiner-Liebau: Demokratiebildung ist auf lebenslanges Lernen an­ge­wiesen. Ich wünsche mir, dass sie in allen Lebensbereichen, für Menschen jeden Alters selbstverständlich mitgedacht wird und in allen formalen Bildungsinstitutionen dauerhaft einen festen Platz hat. Demokratiebildung ist keine kurzfristige oder zeitlich begrenzte Reaktion auf Krisen, sondern eine langfristige Daueraufgabe, die weiter­entwickelt und gestärkt werden muss.



Dr. Désirée Kleiner-Liebau

Abteilungsleiterin Kulturelle und politische Bildung

DLR Projektträger









Kontakt



Dr. Astrid Fischer Geschäftsleiterin Bildung, Gender

E-Mail: bg@dlr.de



Martin Wegner

Geschäftsleiter Gesellschaft, Information, Technologie

E-Mail: git@dlr.de





Herausgeber



DLR Projektträger Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. Heinrich-Konen-Straße 1 53227 Bonn

www.projekttraeger.dlr.de

Vorsitzender der Geschäftsleitung: Klaus Uckel



Herausgebende Fachbereiche

Bildung, Gender (Leitung: Dr. Astrid Fischer)

Gesellschaft, Information, Technologie (Leitung: Martin Wegner)



Redaktion

Dr. Monika Socha, Dr. Anne Rother (verantwortlich) Unternehmenskommunikation DLR Projektträger



Digitale Gestaltung

Kompetenzzentrum Öffentlichkeitsarbeit DLR Projektträger



Mitarbeit

Lovis Krüger, Marlon Bohnwagner Unternehmenskommunikation DLR Projektträger



Nutzungsrechte

Die Texte dieser Publikation sind unter folgender Lizenz veröffentlicht: BY-ND 4.0

Die Lizenzbedingungen sind nachzulesen unter: www.creativecommons.org/licenses



Zitiervorschlag

DLR Projektträger (2026). Demokratiebildung neu denken. Edition, 1. Bonn: Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. Verfügbar unter: https://magazin.projekttraeger.dlr.de/edition-01



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